
von Patrick Stephan
Digital Commerce Expert
Der digitale Produktpass (DPP) ist ein standardisierter digitaler Datensatz, der Informationen zu Herkunft, Materialien, Reparierbarkeit und Recyclingfähigkeit eines Produkts bündelt. Was heute für viele Unternehmen noch wie ein Zukunftsthema wirkt, soll in den kommenden Jahren schrittweise regulatorische Realität in der EU werden.
Mit der ESPR-Verordnung schafft die EU die Grundlage dafür, dass zahlreiche Produkte künftig digitale Produktpässe erhalten. Für Hersteller, Marken und Onlinehändler geht es dabei nicht nur um neue Compliance-Anforderungen. Für Unternehmen steigt damit die Bedeutung konsistenter und systemübergreifend verfügbarer Produktinformationen entlang der gesamten Customer Journey.
Was ist der digitale Produktpass?
Der digitale Produktpass bündelt produktbezogene Informationen und macht sie digital verfügbar.
Welche Materialien enthält ein Produkt? Wo kommen diese her? Wer hat das Produkt unter welchen Bedingungen produziert und transportiert? Wie lässt sich das Produkt reparieren oder entsorgen, wenn es defekt ist? Antworten auf derartige Fragen soll in Zukunft der DPP liefern.
Welche Informationen enthält der digitale Produktpass?
Die ESPR definiert den regulatorischen Rahmen für den Digitalen Produktpass. Welche Daten je Produktgruppe verpflichtend werden, legen die jeweiligen delegierten Rechtsakte fest. Als Rahmen ist vorgesehen:
- eindeutige Produkt-, Modell- und Chargenkennung
- Herstellerinformationen und Lieferkettendaten
- Materialzusammensetzung, Anteil recycelter Materialien, kritische Rohstoffe
- Reparierbarkeit, verfügbare Ersatzteile, Demontageanleitungen
- Konformitäts- und Compliance-Nachweise
- Hinweise zu Entsorgung und Recycling
Für den Batteriepass startet die Pflicht 2027 mit Basisdaten (Identifikation, Typ, Modell, Kerntechnik). Lebenszyklus- und Performance-Daten kommen über spätere delegierte Rechtsakte hinzu.
Ziel ist es, Produktinformationen entlang des gesamten Lebenszyklus transparenter und einfacher verfügbar zu machen, sowohl für Unternehmen als auch für Verbraucher und Behörden.
Für welche Produkte wird der DPP eingeführt und ab wann?
Mit dem ESPR-Arbeitsplan 2025 bis 2030 hat die EU erste Produktgruppen priorisiert. Dazu gehören unter anderem Batterien, Textilien, Reifen, Möbel, Matratzen sowie bestimmte Metall- und Elektronikprodukte. Die Einführung des DPP erfolgt dabei schrittweise je Produktgruppe.
Produktgruppe
Industrie-, EV- und LMT-Batterien (> 2 kWh)
Eisen und Stahl
Textilien
Reifen
Aluminium
Möbel
Matratzen
Rechtsgrundlage
Batterieverordnung 2023/1542
ESPR (delegierter Rechtsakt)
ESPR
ESPR
ESPR
ESPR
ESPR
Indikativer Geltungsbeginn
18.02.2027
Adoption 2026
Adoption 2027
Adoption 2027
Adoption 2027
Adoption 2028
Adoption 2029
Produktgruppe / Rechtsgrundlage /
Indikativer Geltungsbeginn
Industrie-, EV- und LMT-Batterien (> 2 kWh) / Batterieverordnung 2023/1542 / 18.02.2027
Eisen und Stahl / ESPR (delegierter Rechtsakt) / Adoption 2026
Textilien / ESPR / Adoption 2027
Reifen / ESPR / Adoption 2027
Aluminium / ESPR / Adoption 2027
Möbel / ESPR / Adoption 2028
Matratzen / ESPR / Adoption 2029
Wichtig: Adoption eines delegierten Rechtsakts und tatsächlicher Geltungsbeginn liegen typischerweise 18 bis 36 Monate auseinander. Für jede Produktgruppe wird die DPP-Pflicht erst mit Inkrafttreten des jeweiligen delegierten Rechtsakts verbindlich.
Bereits am 9. Februar 2026 hat die EU-Kommission erste delegierte Rechtsakte erlassen, unter anderem mit einem Vernichtungsverbot für unverkaufte Textilien (verbindlich für Großunternehmen ab 19. Juli 2026, für mittlere Unternehmen ab 2030).
Aktueller Stand (Juli 2026): Mit der Veröffentlichung der ersten sechs harmonisierten DPP-Standards im Juli 2026 hat die EU-Kommission die technische Umsetzung des Digitalen Produktpasses weiter konkretisiert. Sie schaffen erstmals einen einheitlichen technischen Rahmen für Datenaustausch, Identifikation und Interoperabilität von DPP-Systemen.
Welche Ziele will die EU-Kommission mit dem DPP erreichen?
Die Ökodesign-Verordnung und der Digitale Produktpass sind zentrale Bausteine des European Green Deal. Ziel der EU ist es, Produkte nachhaltiger zu gestalten und die Kreislaufwirtschaft langfristig zu stärken. Gleichzeitig sollen Unternehmen künftig stärker nachvollziehen und dokumentieren können, wie Produkte hergestellt, genutzt, repariert und recycelt werden.
Der DPP als Teil des European Green Deal
Mit der ESPR-Verordnung schafft die EU die regulatorische Grundlage dafür, dass nachhaltige Produkte künftig zum Standard werden. Dazu gehören strengere Anforderungen an Langlebigkeit, Reparierbarkeit, Wiederverwendbarkeit und Recyclingfähigkeit von Produkten.
Christiane Rohleder, Staatssekretärin im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV), beschreibt das Ziel so: „Die Ressourcen unseres Planeten sind endlich und wir müssen bewusster damit umgehen. Nachhaltige Produkte sollen daher der Standard werden in der EU.“
Der Digitale Produktpass soll die dafür notwendigen Informationen strukturiert verfügbar machen und entlang des gesamten Produktlebenszyklus zugänglich halten.
Warum der DPP mehr Transparenz schaffen soll
Ein wesentlicher Vorteil des DPP liegt in der höheren Transparenz entlang der Liefer- und Wertschöpfungskette. Unternehmen, Behörden und Verbraucher sollen künftig einfacher nachvollziehen können, ob Produkte die geltenden Anforderungen erfüllen und wie nachhaltig sie tatsächlich sind.
Die EU-Kommission verfolgt damit mehrere Ziele gleichzeitig: Verbraucher sollen fundiertere Kaufentscheidungen treffen können, Unternehmen nachhaltigere Prozesse etablieren und die Abfallwirtschaft Materialien effizienter weiterverwerten. Der DPP wird damit zu einem zentralen Instrument für mehr Transparenz und Kreislaufwirtschaft innerhalb der EU.
Was bedeutet der digitale Produktpass für Onlinehändler?
Die Verantwortlichkeiten sind klar verteilt:
- In der Regel erstellen Hersteller den DPP, stellen die erforderlichen Informationen bereit und verknüpfen ihn mit dem EU-Register.
- Importeure stellen sicher, dass jedes in die EU eingeführte Produkt einen konformen DPP hat.
- Händler, auch im Onlinehandel, müssen im Rahmen ihrer Sorgfaltspflichten sicherstellen, dass betroffene Produkte die regulatorischen Anforderungen erfüllen.
Der DPP wird kein starres Gebilde, sondern ein dynamischer Datensatz. Denn er begleitet ein Produkt über seinen gesamten Lebenszyklus und muss kontinuierlich aktuell gehalten werden. Entlang der Lieferkette entstehen dabei fortlaufend neue Informationen – von Rohstoffproduzenten über Hersteller und Händler bis hin zu Reparatur- und Entsorgungsunternehmen.
Der DPP als Daten- und Prozessaufgabe
Der Zugriff auf die Daten wird voraussichtlich über digitale Kennzeichnungen wie QR-Codes erfolgen. Auch andere Technologien wie RFID gelten als möglich. Mit der Veröffentlichung der ersten sechs harmonisierten DPP-Standards im Juli 2026 hat die EU-Kommission die technische Umsetzung des Digitalen Produktpasses weiter konkretisiert. Die Standards definieren unter anderem Anforderungen an Datenaustausch, eindeutige Identifikatoren, Datenträger, APIs und die Interoperabilität von DPP-Systemen.
Klar ist schon heute: Der Digitale Produktpass wird nicht nur ein Nachhaltigkeitsthema sein. Für viele Unternehmen wird er vor allem zur Daten- und Prozessaufgabe. Denn nur wer Produktinformationen zentral, konsistent und aktuell verwalten kann, wird die künftigen Anforderungen effizient erfüllen.
Warum der DPP zentrale Produktdaten erfordert
Händler und Hersteller müssen künftig sicherstellen, dass relevante Produktinformationen konsistent, aktuell und entlang der Lieferkette verfügbar bleiben. Ein Aufwand, der sich manuell sicherlich nicht bewältigen lässt.
Wie PIM-Systeme Unternehmen beim DPP unterstützen
Die gute Nachricht: Unternehmen, die bereits ein Product Information Management (PIM)-System nutzen, verfügen über wichtige Voraussetzungen für den Digitalen Produktpass. PIM-Systeme wie novomind iPIM führen Produktinformationen aus unterschiedlichen Quellen zentral zusammen, strukturieren sie und stellen sie konsistent über verschiedene Kanäle bereit. Dadurch entsteht eine belastbare Datenbasis für zukünftige DPP-Anforderungen. Die im Juli 2026 veröffentlichten harmonisierten DPP-Standards unterstreichen zusätzlich die Bedeutung strukturierter und interoperabler Produktdaten für die technische Umsetzung des Digitalen Produktpasses.
Darüber hinaus lassen sich neue Datenanforderungen flexibel ergänzen, etwa zu Recyclingfähigkeit, nachhaltigem Anbau oder Haltbarkeit. So können Unternehmen Nachhaltigkeitsinformationen konsistent pflegen und sich schrittweise auf kommende regulatorische Vorgaben vorbereiten.
So macht sich Product Information Management (PIM) bezahlt
FAQ
Wann wird der digitale Produktpass verpflichtend?
Welche Daten müssen Unternehmen für den DPP bereitstellen?
Die genauen Anforderungen hängen von der jeweiligen Produktgruppe ab. Vorgesehen sind unter anderem Informationen zu Materialzusammensetzung, CO₂-Fußabdruck, Reparierbarkeit, Recyclingfähigkeit und Konformität.
Wer haftet, wenn die DPP-Daten falsch sind?
Der Wirtschaftsakteur, der das Produkt in Verkehr bringt: Hersteller oder Importeur. Händler haben Sorgfaltspflichten, vor allem bei Eigenmarken und Direktimporten aus Drittstaaten.
Was kostet der DPP?
Die Kosten hängen vom Sortiment, der Datenqualität und der vorhandenen IT-Landschaft ab. Wer bereits ein PIM nutzt, hat den größten Brocken erledigt. Wer Produktdaten heute in Excel pflegt, sollte den DPP zum Anlass nehmen, das zu ändern.
Welche Rolle spielen PIM-Systeme beim digitalen Produktpass?
PIM-Systeme unterstützen Unternehmen dabei, Produktinformationen zentral zu verwalten, zu strukturieren und kanalübergreifend bereitzustellen. Dadurch lassen sich zukünftige DPP-Anforderungen effizienter abbilden.
